Warum IT-Projekte scheitern: Die Zahlen und die wahren Ursachen


Titelbild: Warum IT-Projekte scheitern – Zahlen und Ursachen

Wer wissen will, warum IT-Projekte scheitern, findet zuerst Prozentzahlen und selten den Kontext dazu. Die Studien widersprechen sich nur scheinbar, denn jede definiert Scheitern anders. Wichtiger als die Quote ist die Ursache dahinter, und die fällt über alle Erhebungen hinweg auffallend gleich aus.

Kurz beantwortet

Je nach Definition scheitern 17 bis 19 Prozent der IT-Projekte vollständig, rund die Hälfte läuft mit deutlichen Problemen bei Budget, Zeit oder Umfang. Die häufigste Ursache sind unklare Anforderungen und ein wachsender Projektumfang, genannt von 82 Prozent der befragten Unternehmen. Agile Methoden machen das früher sichtbar, lösen es aber nicht.

Wie oft IT-Projekte scheitern: die Zahlen

Der Standish CHAOS Report 2024 zählt 31 Prozent der untersuchten Projekte als erfolgreich, 50 Prozent als mit Problemen abgeschlossen und 19 Prozent als gescheitert (Standish Group). Die PMI-Studie für Deutschland aus demselben Jahr kommt auf eine niedrigere Misserfolgsquote von 17 Prozent. Allerdings erreichen dort nur 68 Prozent der Projekte am Ende tatsächlich ihre Geschäftsziele (PMI-Daten via Haufe, 2024).

Zwei Erhebungen, zwei Definitionen von Scheitern
Erhebung Erfolgreich Mit Problemen Gescheitert Was als gescheitert gilt
Standish CHAOS Report 2024 31 Prozent 50 Prozent 19 Prozent vor der Auslieferung abgebrochen
PMI Deutschland 2024 68 Prozent erreichen ihre Geschäftsziele nicht ausgewiesen 17 Prozent Geschäftsziele am Ende verfehlt

Diese Differenz ist kein Widerspruch. Sie zeigt ein Definitionsproblem. Standish zählt Projekte als gescheitert, die abgebrochen wurden, bevor überhaupt etwas ausgeliefert wurde. PMI misst dagegen, ob am Ende die ursprünglichen Geschäftsziele erreicht wurden. Das ist eine deutlich strengere Latte. Ein Projekt kann pünktlich und im Budget abgeliefert werden und trotzdem als Fehlschlag gelten, wenn es am eigentlichen Bedarf vorbeigebaut wurde.

Was Überschreitung in der Praxis bedeutet

75 %

durchschnittliche Budgetüberschreitung großer IT-Projekte im Jahr 2024. Der Zeitverzug liegt bei 46 Prozent, und die ausgelieferte Software liefert im Schnitt 39 Prozent weniger Wert als geplant.

McKinsey, 2024

Bei SAP S/4HANA-Einführungen zeigt sich das Muster noch schärfer. 60 Prozent der Projekte reißen sowohl Budget als auch Zeitplan, 30 Prozent dauern länger als vorgesehen (Horváth-Studie via WirtschaftsWoche, 2025).

S/4HANA-Projekte sind komplexe Migrationen mit vielen Abhängigkeiten zu Altsystemen. Die Zahl lässt sich deshalb nicht eins zu eins auf jedes Softwareprojekt übertragen. Sie zeigt aber, wie stark Umfang und Systemkomplexität die Erfolgsaussichten drücken, selbst bei Anbietern mit etabliertem Vorgehensmodell und großem Partnernetzwerk.

Für Unternehmen in Industrie und Handel ist die S/4HANA-Zahl deshalb relevant, weil ERP-Migrationen dort seit Jahren zu den größten IT-Vorhaben zählen. Ein Produktionsbetrieb, der Lager, Fertigungssteuerung und Finanzbuchhaltung gleichzeitig auf ein neues System hebt, hat ein anderes Risikoprofil als ein reines Softwarehaus, das eine einzelne Anwendung baut. Die Abhängigkeiten zwischen Modulen, Schnittstellen zu Maschinensteuerungen und historisch gewachsenen Sonderlösungen summieren sich. Wer ein solches Projekt startet, sollte die 60-Prozent-Zahl als realistische Grundannahme für die eigene Planung behandeln.

Warum IT-Projekte scheitern in der Praxis

Hinter den Prozentzahlen steht meist eine Ursache öfter als jede andere.

82 %

der befragten Unternehmen nennen unklare Anforderungen und wachsenden Projektumfang als häufigste Herausforderung im Projektverlauf.

SDZeCOM, 2024

Das deckt sich mit einer Beobachtung aus vielen laufenden Projekten. Am Anfang fehlt eine belastbare Definition, was das System leisten soll. Jede spätere Anforderung wird dann zur Ausnahme erklärt, bis aus vielen Ausnahmen ein zweites, ungeplantes Projekt geworden ist. Wie sich dieser Verlauf stoppen lässt, steht im Beitrag zu Scope Creep, und die Vorarbeit dagegen leistet ein sauberes Pflichtenheft.

Trotz zehn Jahren agiler Methoden hat sich an der grundsätzlichen Erfolgsquote wenig geändert. Sie stagniert seit 2017 auf einem ähnlichen Niveau (PM World Journal, 01/2026). Das ist unbequem für alle, die glaubten, Sprints und Retrospektiven würden das Grundproblem lösen. Agile Prozesse machen Probleme früher sichtbar. Eine klare Auftragsklärung und eine entscheidungsfähige Führung ersetzen sie nicht.

Die Grenzen der CHAOS-Methodik

Der CHAOS Report wird seit Jahren kritisiert. Standish legt die genaue Stichprobe und Erhebungsmethode nicht vollständig offen, und die Kategorien erfolgreich, herausgefordert und gescheitert wurden im Zeitverlauf mehrfach angepasst. Wer die Zahl 19 Prozent zitiert, sollte wissen, dass sie mit früheren CHAOS-Ausgaben aus den 1990er- und 2000er-Jahren nur eingeschränkt vergleichbar ist, in denen die Scheiternsquote deutlich höher lag. Das entwertet die aktuelle Zahl nicht. Es begrenzt nur, was sich daraus für den eigenen Fall ableiten lässt.

Die blinde Stelle aller StudienKeine der genannten Erhebungen misst, wie viele Probleme durch rechtzeitiges Gegensteuern verhindert wurden. Projekte, die durch eine frühe Kurskorrektur wieder ins Ziel fanden, zählen als Erfolg, obwohl der Weg dorthin unruhig war. Die tatsächliche Häufigkeit ernster Krisen dürfte deshalb höher liegen als die reine Scheiternsquote.

Was diese Zahlen für Ihr Projekt bedeuten

Für Geschäftsführung und IT-Verantwortliche in Industrie und Handel ist die praktische Frage weniger, welche Studie recht hat. Wichtiger ist, wann die eigenen Warnsignale ernst zu nehmen sind. Ein durchbrochener Meilenstein ist noch kein Alarm. Zwei durchbrochene Meilensteine in Folge, dazu eine Anforderungsliste, die jede Woche wächst, sind ein Muster, das die zitierten Studien exakt beschreiben. Wer wartet, bis das Budget bereits um 75 Prozent überschritten ist, hat den günstigsten Zeitpunkt für eine Kurskorrektur bereits verpasst. Details zur Ursachenanalyse bei einer laufenden Überschreitung stehen im Beitrag zur Budgetüberschreitung im IT-Projekt.

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Häufige Fragen

Wie viele IT-Projekte scheitern wirklich?

Je nach Definition zwischen 17 und 19 Prozent vollständig, weitere rund 50 Prozent laufen mit deutlichen Problemen bei Budget, Zeitplan oder Umfang (Standish Group 2024, PMI-Daten via Haufe 2024). Die genaue Zahl hängt davon ab, ob ein abgebrochenes Projekt oder ein ausgeliefertes, aber zielverfehlendes Projekt als gescheitert zählt.

Was kostet ein gescheitertes IT-Projekt?

Die reinen Projektkosten sind meist nur ein Teil der Rechnung. McKinsey beziffert die durchschnittliche Budgetüberschreitung 2024 auf 75 Prozent des Ausgangsbudgets, dazu kommt entgangener Nutzen durch verspätete oder ausbleibende Auslieferung. Bei größeren Vorhaben wie SAP S/4HANA-Einführungen liegt die Überschreitungsquote bei 60 Prozent der Projekte (Horváth via WirtschaftsWoche, 2025).

Wann sollte man externe Hilfe holen?

Sobald zwei Meilensteine in Folge gerissen werden oder die Anforderungsliste sich deutlich über den ursprünglichen Rahmen hinaus ausdehnt, lohnt sich eine externe Einschätzung. Zu diesem Zeitpunkt sind die Ursachen meist noch klar erkennbar und die Handlungsoptionen breiter als drei Monate später. Wie ein Interim CTO in einer solchen Phase konkret vorgeht, beschreiben wir auf unserer Leistungsseite.

Der nächste Schritt

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Florian Blischke
Geschäftsführer torck GmbH · über 20 Jahre Softwareentwicklung
Florian Blischke ist Geschäftsführer der torck GmbH und seit über 20 Jahren in der Softwareentwicklung tätig. Er verantwortet Individualsoftware für Industrie und Handel, von der Anbindung physischer Prozesse über IoT bis zu Cloud-Architektur und daten- sowie KI-gestützten Systemen. Bei torck begleitet er unter anderem die Energieplattform Jouvoli und das Fleet-Management-Produkt KVM Fleet. torck entwickelt an den Standorten Maxhütte-Haidhof, Wien und Rabat und legt Wert auf Software, die im Betrieb tatsächlich funktioniert.

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